Episode 083
Ein Anker

Episode 083

Ein Anker

Nach einem Sturm hilft John dem Zirkus von Ydris beim Wiederaufbau. Zwischen Werkzeug, stillen Blicken und ehrlichen Worten entsteht etwas, das mehr ist als bloße Hilfsbereitschaft.

Ich unterhielt mich gerade mit John, als Wesley dazukam.

Wesley: „Die schweren Regenfälle vor ein paar Tagen müssen den Zirkus ziemlich schlimm erwischt haben. Sogar das Zelt soll eingebrochen sein.“

John: „Das ist übel. Die leben von den Vorstellungen. Soll ich mal vorbeifahren und schauen, ob ich was helfen kann? Hier ist im Moment eh nichts zu tun.“

Gillian: „Eine gute Idee, John. Ja, mach das.“

Als John beim Zirkus ankam, sah er das ganze Ausmaß. Ydris, der Zirkusdirektor kam zu ihm.

John: „Das sieht wirklich nicht gut aus. Hat euch ja ganz schön schlimm erwischt. Ich hole mein Werkzeug und schau was ich tun kann.“

Ydris: „Sie sind ein Engel. Wenn wir das nicht schnell wieder hinkriegen, ist es vorbei mit dem Zirkus. Die Wagen haben auch etwas abbekommen.“

John arbeitete den ganzen Tag am Zelt und hatte das Zeltgerüst soweit wieder aufbauen können.

John: „Der Sturm hat unterm Dach angesetzt und durch den vielen Regen war die Last zu schwer. Ich habe die ganze Konstruktion verstärkt. Das sollte halten. Sag mal, ein Zirkus der nicht weiterzieht ist selten.“

Ydris: „Man merkt, dass Du an Dinge glaubst, die Bestand haben. Daran glaube ich auch. Auf meinen Reisen habe ich viel gesehen – aber keinen Ort zum Bleiben. Jetzt bin ich hier. Und ich bleibe.“

John hörte Ydris zu. In dem Moment, als er sagte: „Ich bleibe.“ Nur zwei Worte - die ihn mehr trafen, als sie sollten. Plötzlich ging es nicht mehr um ein Zelt, einen Zirkus oder einen Ort. Es klang nach der Entscheidung, irgendwo wirklich angekommen zu sein. Am nächsten Tag kam John wieder zum Zirkus - wegen eines Wagenrads. Ydris brachte ihm Kaffee und bedankte sich für sein Kommen.

Ydris: „Schwarz. Ohne Zucker. Ich habe mir gedacht, Du magst ihn so. Und danke, dass du nochmal gekommen bist.“

John: „Ich bringe Dinge gerne zu Ende. Und manches ist nicht kaputt - es gab nur niemanden, der es reparieren wollte.“

Als John davon sprach, dass manches nicht kaputt sei, sondern nur niemand geblieben sei, um es zu reparieren, wusste Ydris, dass dieser Satz mehr über John erzählte als über ein Wagenrad. Als John mit allem fertig war, sprach er nochmal mit Ydris.

John: „Jetzt sollte wieder alles halten. Wenn du willst, zeige ich dir mal Meadowland. Wir haben ein paar Gebäude, die schon schlimmere Stürme überstanden haben.“

Ydris: „Danke John – für alles. Ich komme. Nicht jeder lädt jemanden an einen Ort ein, der ihm wichtig ist.“

Und Ydris kam wirklich ein paar Tage später nach Meadowland.

John: „Es freut mich, dass Du gekommen bist.“

Ydris: „Manche Orte muss man sich einfach anschauen, manche Menschen auch.“

John zeigte Ydris die ganze Ranch. Sie unterhielten sich angeregt – wobei es nicht nur um Meadowland ging.

Jamie: „Seit wann erklärt John Dinge mit so viel Einsatz? Der benutzt ja ganze Sätze.“

Gillian: „Ganz einfach, seit ihm jemand zuhört.“

Nachdem sie ihren Rundgang beendet hatten standen sie eine Weile bei den Außenställen.

Ydris: „Also ist Meadowland Dein fest verankerter Anker?“

John: „So ungefähr ... aber manchmal braucht selbst so ein Anker ein bisschen Gesellschaft.“

John stellte uns Ydris vor, als wir zum Stall kamen. Er war gerade dabei sich zu verabschieden und bekam prompt von Jamie noch eine kleine ‚Warnung‘

Jamie: „ … aber pass auf, wenn Du jetzt öfter kommst, verpasst sie Dir irgendwann Arbeitskleidung.“

Ydris: „Ha ha ... Ich habe schon Schlimmeres getragen.“

Ich schmollte, aber John lächelte. Er sah glücklich aus.

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